Mittwoch, 12. November 2008

Ein Quantum Bond


So viel Emotion war selten: Nach dem Tod seiner großen Liebe Vesper Lynd von Rache getrieben wird Bond zum eiskalten Arschloch, das einen zynischen Spruch nach dem anderen rausrotzt. Trotz einiger Schwächen gehört „Ein Quantum Trost“ zu den besten Filmen der 007-Reihe, weil er den gewählten neuen Kurs zielstrebig weiter verfolgt.

Nein, auch in „Ein Quantum Trost“ wird James Bond nicht von einem mauligen Q mit irgendwelchem technischen Firlefanz wie unsichtbaren Autos oder explodierenden Kugelschreibern  ausgerüstet. Von einer dahin schmelzenden Miss Moneypenny fehlt ebenfalls jede Spur. Bondpuristen, denen 007s Frischzellenkur in „Casino Royale“ schon zu weit ging, werden auch bei „Quantum“ die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sich mit Grausen abwenden. Regisseur Marc Forster führt die Neudefinition des Doppelnullagenten konsequent fort und verzichtet - wie schon Martin Campell - auf alle bondtypischen Versatzstücke. Glücklicherweise. Waren Q, Moneypenny und die grotesk überzeichneten Superschurken mit Weltmachtambitionen zu immer wieder kehrenden Schablonen verkommen. Das gilt für die ausgehende Brosnan-Ära ebenso wie die Bondfilme der Dienstzeit Roger Moores. Unter dem possenreißenden Moore vollzog sich in „Moonraker“, „Octopussy“ und „A View to A Kill“ gar Bonds Abstieg zur eigenen Parodie. 
Nostalgisch verklärt steht jeder der James-Bond-Filme für sich alleine, tatsächlich ragen jedoch nur wenige, wie etwa „Goldfinger“, „For Your Eyes Only“, „License To Kill“ oder jüngst „Casino Royale“ aus der Serie heraus. Der Rest verschwimmt bei genauerer Betrachtung zu einer schwammigen Agenten-Melange. Von einer höchstens leicht variierten Bond-Formel kamen die Macher bis zum radikalen Reboot in Campbells „Casino Royale“ nie wirklich los. Schon der viel versprechende neue Ansatz unter Timothy Dalton war Ende der 80er Jahre im Sande verlaufen. Nach einem Gastspiel von nur zwei Missionen quittierte Dalton entnervt von den Querelen um einen weiteren Teil den Dienst. Nach der Ablösung durch Brosnan das alte Bild: James Bond überraschte niemanden mehr, ja, wurde sogar beliebig, denn jeder wusste schon vorher was als nächstes kam. Vom explosiven Prolog bis hin zur obligatorischen finalen Intimbelohnung Bonds blieb alles beim Alten. Allein die Überlegungen bei United Artists, der nächste Einsatz des Agenten Ihrer Majestät könne das Remake eines alten Bond-Streifens werden, spricht Bände.

Zwei Jahre nachdem Daniel Craigs 00-Status bestätigt wurde hat sich dahingehend einiges geändert. 007 ist im Jahr 2008 angekommen. Der Neustart der Reihe ist mit „Casino Royale“ bravourös geglückt. In seinem neuen Einsatz gegen die sinistere Verbrecherorganisation QUANTUM, die scharf auf Trinkwasservorräte in der bolivianischen Wüste ist, zeiht 007 alle Register. Daniel Craig spielt seinen Bond in „Quantum“ verbittert, ruppig, mit geradezu animalischer Präsenz – und brilliert. Mathieu Almaric wirkt als Manager des Todes erstaunlich diabolisch und sogar Olga Kurylenko – sonst schauspielerisch eher beschränkt und mit knapper Garderobe punktend – gibt ein gutes Bondgirl ab. Dennoch hält „Quantum“ dem Vergleich mit dem Vorgänger nicht stand. Die Actionszenen erinnern in ihrer hektischen Schnittfolge frappierend an die „Bourne“-Filme, die Jagd über die Dächer von Siena wirkt beinahe wie das Plagiat der Hatz durch Tangier in „Die Bourne Verschwörung“. Geschuldet sind die geradezu brutalen Schnitte wohl dem derzeit üblichen Inszenierungsstil des Actionkinos. Was dabei herauskommt, wenn Filmemacher die Atmosphäre eines zwanzig Jahre alten Filmes beschwören wollen, verdeutlichte unlängst das Debakel des vierten „Indiana Jones“. Die Sehgewohnheiten im Kino sind heute andere. Trotzdem wackelt die Handkamera gerade in der eröffnenden Autoverfolgung am Gardasee zu sehr. Der eine oder andere Kinobesitzer ist sicher versucht an der Kasse vorsorglich Tüten zu verteilen. Nichtsdestotrotz ist „Quantum“ ein guter Film, vielleicht sogar ein sehr guter, doch hätten zwanzig weitere und vor allem ruhigere Minuten gut getan. Selten kommt Bond zur Ruhe. Längere Dialoge sind Mangelware. So wirkt das neueste Kapitel im Bond-Evangelium bisweilen stakkatohaft. Wie die Abfolge unzureichend miteinander verbundener Action-Sequenzen.

Viele Puristen werden es „Quantum“ absprechen, ein „Bondfilm“ zu sein - sie weigern sich auch seit Jahren „Sag niemals nie“ als Bondfilm zu betrachten, weil er nicht von United Artists produziert wurde. Doch dass „Quantum“ kein Bondfilm ist, weil Q fehlt oder Moneypenny oder der Schlaghosen-Charme eines Roger Moore, ist Unsinn. Marc Forsters Agent betritt zwar Neuland, bei genauerer Betrachtung ist dieses Neuland jedoch kleiner als es zunächst scheint. Beinahe liebevoll streut Forster Reminiszenzen an die alten Abenteuer ein. Etwa der Hinweis auf Bonds Tarnfirma „Universal Exports“. Die Szene, in der die mit Öl verschmierte Agentin Fields auf dem Bett liegt, ist eine nahezu identische Kopie der mit Goldfarbe überzogenen Jill Masterson aus „Goldfinger“. Die Verfolgungsjagd durch die Marmorsteinbrüche Carraras huldigt offensichtlich der Sattelschlepper-Hetzjagd aus „License To Kill“. Dass Forster gerade den oft als „Rambond“ oder „Rachebond“ verschrienen zweiten Auftritt von Timothy Dalton zitiert verwundert nicht. Daniel Craig orientiert sich ebenso wie seinerzeit Dalton stark an Ian Flemings Romanvorlage was James Bonds Charakter angeht. Für affektiertes Dandytum á la Roger Moore bleibt da kein Raum. 

Ein altes Motiv der Serie stellt auch die Organisation QUANTUM dar, sie verhilft wohl dem Schergen-Konglomerat SPECTRE aus den ersten Werken mit Connery zu einer unerwarteten Wiedergeburt. Zwar wird erst der nächste Film zeigen, ob sich Bond mit QUANTUM einem neuen SPECTRE gegenüber sieht, die Stroyline würde es allemal hergeben. Letztendlich wurde sogar die legendäre Gunbarrel-Sequenz reaktiviert. Zwar an den Schluss transformiert, aber im Grunde unverändert. Und wenn Craig kraftstrotzend wie ein Bodybuilder ins Bild läuft und seiner Lizenz zum Töten frönt erinnert er sogar an den athletischen Sean Connery. Der konnte als Mister-Universum-Anwärter auch vor Kraft kaum laufen – und war dennoch der beste aller Bonds. 

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ein Quantum Prost!

Kai hat gesagt…

Das ist offenbar der Titel des nächsten Bond-Films. Der läuft am 5.12. nur in wenigen ausgewählten Programmkinos in Freiburg. Über die Story sickerte bisher nur wenig durch: 007 wird auf einen Bier-Lobbyisten angesetzt. Durch Unmengen gehorteten Bieres will Superschurke Lukas Lager den Bierpreis drücken und die Weltwirtschaft ins Chaos stürzen. Nur Bond - überzeugter Martini-Trinker - kann die Welt retten! Für die Rolle von Lagers Killer "Pierre Pils" soll Robert Downey Jr. wieder zur Flasche greifen. Arbeitstitel des 25 Bond-Films ist übrigens "James Bond - One for the Road"