Sonntag, 19. Juli 2009

Kennen Sie Kafka?

In regelmäßigen Abständen sitze ich am Schreibtisch, starre ins Leere und frage mich "Was kann ich eigentlich?" Ziemlich schnell wird mir dann immer klar, dass dieses Starren und sinnieren Quatsch ist, weil ich ja eigentlich was kann... zwar nur ein bisschen, aber dieses Bisschen dafür ganz gut. Aber so ein Hinterfragen muss ja nicht unbedingt schlecht sein... so einige Leute könnten das ruhig mal machen. Am vergangenen Mittwochmorgen hab ich mit so jemandem telefoniert. Um 8:00 Uhr Morgens. Rückruftermin mit der Agentur für Arbeit. Man muss sich ja drei Jahre im Voraus "Arbeit suchend" melden. Deshalb ruft man dort an, damit die Agentur einen zurückrufen kann... telefonieren können sie dort nämlich. Immerhin. Um Mittwoch 7:59 Uhr klingelte schließlich auch mein Telefon. Ich dachte noch so "Junge, Junge, die sind aber früh dran!"

"Guten Morgen."
"Guten Morgen."
"Wir werden jetzt ihr Profil erstellen, also ich gebe jetzt Ihren Lebenslauf in das System ein."
"Tun Sie das."
Seltsamerweise hatte ich gute Laune. Allein deswegen hätte ich bereits misstrauisch werden müssen. Aber mal ehrlich, wer wird bei seinem ersten Rückruftermin mit der Agentur für Arbeit schon misstrauisch. Verstohlenes Tuscheln am anderen Ende der Leitung machte deutlich, dass ich es nicht nur mit einer Sachbearbeiterin zu tun hatte. Mindestens zwei Personen versuchten angestrengt, auf einem dieser uralten Röhrenbildschirme einen Sinn in irgendwelchen Antragsformularen zu erkennen. Sicherlich war die Luft im Büro abgestanden. Jedes Mal wenn man den Raum am Ende des langen dunklen Ganges durch die knarzende Tür betrat, traf einen der Geruch von muffigen Akten wie ein Faustschlag in die Magengrube... innerhalb weniger Sekunden sah ich das Innenleben der ganzen Behörde deutlich vor mir. Super. Das konnte ja heiter werden. Das Tuscheln erstarb.
"Guuut, fangen wir am besten mit ihrer Schulbildung an. Was ist Ihre höchste Schulbildung?"
Genau an diesem Punkt des noch sehr jungen Gesprächs hätte ich endgültig misstrauisch werden müssen. Bei der Frage "was ist Ihre höchste Schulbildung" sollte man die Amtsperson eigentlich sofort angetan mit Zwicker, Pommade im Haar und in tadelloserOrdonanzuniform vor sich sehen. Nichts! Ich wurde nicht misstrauisch... und ein kafkaeskes Verhängnis nahm seinen Lauf.

Ob es an der verklausulierten Bürokratensprache lag oder an einer frühmorgendlichen Begriffsstutzigkeit vermag ich rückblickend nicht mehr zu sagen. Jedenfalls war ich es nun, der kurz zögerte. Freilich blieb mir nicht allzu viel Zeit um zu Zögern, nur Sekunden später bellte es ohne ein einleitendes Tuscheln erneut "Ihre höchste Schulbildung?" aus dem Beamtenapparat.
"Ähh... Abitur", gab ich an, vollkommen davon überzeugt, eine offizielle Vertreterin des deutschen Sozialstaates könne mit dieser erschöpfenden Antwort etwas anfangen. Konnte sie nicht. Sie tuschelte verschwörerisch. Dann: Stille. Und genau jetzt begannen bei mir sämtliche Alarmsirenen zu schrillen. In Manier des alten Higgins aus dem 80er-Jahre Serien-Juwel "Magnum" dachte ich nur "O-h, M-e-i-n GOTT!"
Erneutes Tuscheln. Dann wieder Stille.
"Soo.... Abitur." Erneut erhob sich unverständliches Gemurmel. Nur hin und wieder drang ein unsicheres "hier vielleicht?" oder ein zweifelndes "nein, auch nicht" aus der amtsstubeninternen Kakophonie durch den Hörer. Unglaublich laut tickend zeigte die Uhr bereits 8:18 Uhr an.
"Ja, Abitur", versetzte ich vorsichtig.
"Wann war das denn?"
"1998", antwortete ich schon etwas erleichtert. Doch ich hatte mich zu früh gefreut.
"Und wie lange war das?"


In fassungslosem Entsetzen erstarrte ich, unfähig, die Tragweite dessen was soeben ausgesprochen worden war zu ermessen. Hatte sie gefragt "wie lange das war"? Während ich wie gelähmt am Hörer meines Telefons klebte wurde das Ticken der Uhr immer lauter. Ich ertappte mich bereits zum zweiten Mal dabei, wie ich über die Schulter blickte, um mich zu vergewissern, nicht beobachtet zu werden. War da nicht ein Geräusch gewesen? "Und wie lange war das?" Die Frage hallte noch immer unbegriffen in mir nach. Ich versuchte zu schlucken. Es gelang nicht. Mein Hals war völlig ausgetrocknet.
"Juni", krächzte ich mit letzter Kraft. Tuscheln am anderen Ende.
"Bis wann?" Auf meiner Stirn bildeten sich bereits Tropfen kalten Schweißes. Was wollte die von mir? Das war doch alles gar nicht war.
"Abitur Juni 1998", war alles war ich heraus brachte.
"Das sagten Sie bereits. Also... von Juni bis wann genau?" Mittlerweile hatte die Stimme meiner Gesprächspartnerin einen schneidenden militärischen Unterton bekommen. Ich sah ihre Kollegin direkt vor mir, wie sie die Faust schwang und lautlos "Härte zeigen, Schätzchen!" mit den Lippen formte. Es gab keinen Ausweg. Ich würde dieses Gespräch bis ans Ende aller Tage führen. Das wurde mir jetzt schlagartig bewusst. Dröhnend schob sich der Zeiger der Uhr Sekunde für Sekunde unaufhaltsam weiter.
"Ich... also das Abitur war im Juni 1998", versuchte ich es erneut. "Am Ende des Gymnasiums." Im letzten Augenblick verschluckte ich die Bemerkung, dass es sich um ein humanistisches Gymnasium gehandelt hatte. Ich war sicher, schon das kryptische Wort Gymnasium würde das verstohlene Wispern im Büro der Sachbearbeiterin und ihrer Kollegin zu einem entrüsteten Tuscheln anschwellen lassen... "humanistisch" hinzuzufügen hätte mit Sicherheit meinen Untergang bedeutet, dessen war ich gewiss.

"Die allgemeine Hochschulreife", schob ich erwartungsvoll nach. Nichts. Dann Tuscheln. Erneut blickte ich über die Schulter. War da nicht jemand gewesen? Irgendwo im Haus schlug eine Tür donnernd zu. Sicherlich der Wind, versuchte ich mich zu beruhigen. Als die Stimme der Sachbearbeiterin die unheimliche Stille nach dem Flüstern durchbrach, zuckte ich erschrocken zusammen.
"Oh ja... ich sehe gerade..." Ja? Was? Was sehen Sie? Mich? Ich blickte wieder über die Schulter. Nichts! Wirklich nichts? Dieser Schatten, der war eben...
"Da hab ich mich wohl etwas vertan. Abitur... Hier steht es" ... Wie bitte? Stille. Nur das Krachen der Zeiger. Rasselnder Atem. Ich verkniff mir die Frage, ob sie schon mal was von Franz Kafka gehört hatte. Es war 8:32 Uhr. Nach meinem Studienabschluss hatte sie noch gar nicht gefragt.


Donnerstag, 9. Juli 2009

Geheimscheiß

So ungefähr alle zwei Wochen bin ich immer sehr froh, dass ich nicht in Bangladesch lebe. Ich weiß auch nicht woher das kommt... ich kenn' da keinen... ich war da auch noch nie. Naja, vielleicht verwechsel ich mich auch - kann ja alles sein. Jedenfalls wunder' ich mich immer etwas, wenn ich alle zwei Wochen mal wieder froh bin, nicht dort zu leben. Gestern auch wieder... da saß ich bei einem schönen Glas eiskalten Leitungswasser vor einem Artikel über den Todesfluss Buriganga. Der fließt - welch wunderlicher Zufall - quer durch Bangladesch, durchschneidet die Hauptstadt Dhaka in geschmeidigen Windungen - und ist komplett tot! Von einem "frühindustriellen Abwasserinferno aus giftigem Sud, schillernder Brühe, Schmutz und Gestank" stand da was... fand ich schön formuliert. Gleichzeitig hab ich gedacht "bin ich froh, dass ich nicht in Bangladesch lebe".

Hier im zivilisierten Westen ist das ja alles ganz anders. Hier kann man das Wasser direkt aus der Leitung trinken. Das gute Kraneberger. Gut, manchmal ist da ein bisschen Rost drin... Rost? Auf der Seite mit dem Artikel über den toten Buriganga stand weiter unten ein Artikel über deutsches Leitungswasser... vielmehr darüber, dass das, was gemeinhin für ein bisschen Rost im Kraneberger gehalten wird, eigentlich die Kadaver und der Kot von Wasserasseln ist. Die gemeine Wasserassel, Asellus aquaticus, 1758 von Carl von Linné erstmals beschrieben, wird bis zu 2 Zentimeter lang und hockt schon mal gerne gesellig in Wasserleitungen. In Nord- und Ostdeutschland nisten sich die possierlichen Krabbler viel lieber in Rohren ein als im Süden. Jajaja, das gute Kraneberger... schönen Dank! V-e-r-d-a-m-m-t-e K-a-c-k-e - nichts anderes hab ich da jahrelang unbedarft in mich hineingeschüttet. Wie furchtbar ist bitte die Vorstellung, sich an einem heißen Sommertag mit gekühltem Asselkot zu erfrischen?

Und das Schlimmste: Die Wasserwerke wissen das, sagen aber nichts, weil sich Kacke im Wasser so schlecht verkaufen lässt! Ein klassischer Fall von geheimem Scheiß! In diesem Artikel über Geheimscheiß standen noch einige Sachen, die die Wasserwerke in die Nähe der Sympathiewerte rückten, die derzeit die Raketentechniker der Nuklear-Hexenküche Vattenfall landläufig genießen. Zum Beispiel kippen die Chlor in die Leitung, um die Asseln abzutöten. Chlor und Asseln in der Wasserleitung... gut, das ist nicht das verpestete schwarze Gel, das durch den Buriganga sickert... aber es ist schon sehr nah dran. Soweit, dass diese Brühe bei uns aus dem Hahn sprudelt ist es noch nicht, bis dahin bin ich immer mal wieder froh, nicht in Bangladesch zu leben.

Montag, 6. Juli 2009

It was on the line!!

Ganz großes Tennis... wollte ich früher auch immer spielen. Hat meistens nie so ganz geklappt, mein eigener Aufschlag hat mir meistens das Genick gebrochen. Einmal auch den Finger. Da ist mir der Schläger aus der Hand gerutscht... durch die Luft... gegen den Zaun... zurück durch die Luft... und gegen den Finger. Sau-Schläger! Der war kurz darauf kaputt - der Verräter. Vergangene Woche hab ich nach knapp drei Jahren mal wieder zur Becker-Rolle angesetzt. Der Aufschlag war immer noch mies... vielleicht aber auch schon wieder! Verdammt. Doch wieder öfters spielen. Jetzt kann ich es ja auf konditionelle Defizite schieben... so langsam gibt das Alter diese Argumente her... oder Knieprobleme... auch immer wieder gut. Hab mir überlegt, mir im Gegenzug ein Kriegsgebrüll zu zulegen, um den Gegner zu verwirren. Das ist wieder - zumindest bei den Damen - ganz groß in Mode, wie dieses Weltklasse-Quiz auf Spiegel Online beweist.