Mittwoch, 26. August 2009

Der Kundendienst des Bösen

Wenn man sich erst mal daran gewöhnt hat, ständig überwacht zu werden, ist das gar nicht mehr so schlimm. Wahrscheinlich nennt man das Ohnmacht. Geht mir mittlerweile so. Verlasse nur noch selten das Haus mit einem Helm aus Alufolie. Dafür aber immer ein rebellisches "Die Gedanken sind frei" auf den Lippen. Daraus werden Sie mir noch einen Strick drehen. Bin ich mir sicher. So ist das System eben. Ein perfektes System der lückenlosen Überwachung und Kontrolle. Trotzdem stellt sich die eine oder andere reaktionäre Frage, zwar mit einem feinen Film Angstschweiß auf der Stirn, aber sie stellt sich.
Wen ruft die Geheime Hauptverwaltung eigentlich an, wenn alle Bildschirme im Kontrollzentrum ausfallen?



Wahrscheinlich war das Schauspiel, dessen Zeuge ich vor kurzem wurde, beispiellos. Ich konnte gar nicht anders, als das Observationsteam meines Vertrauens zu belauschen. Dazu muss man vielleicht anmerken, dass auch der Kontrollstaat unter der Finanzkrise zu leiden hat. Kürzungen im Budget führen regelmäßig dazu, dass die Personaldecke immer weietr ausgedünnt wird. Die Zahl der Beobachter wird überschaubar. Sprich, man kennt sich. Kommt schon mal vor, dass ich ein Bier mit den Überwachungsspezialisten aus dem Lieferwagen trinken gehe. Ich mach' mir dann immer den kleinen Revoluzzer-Spass, mit den Schergen von Big Brother auf Lutz Eigendorf anzustoßen. Dann freu ich mich immer! Diebisch! Wie dem auch sei, da saß ich vor einigen Tagen mit den Richtmikrophon-Knechten Bierbank an Bierbank und plötzlich klingelt das Knecht-Handy (Bedeutet Anton Karas als Klingelton bei Geheimdienstmitarbeitern eigentlich Selbstironie oder Blödheit?)

"Ja, hier Mhmnsllem?" Seltsam, dass man in solchen Momenten nie den Namen versteht. Scholl-Latour-Syndrom! Doch bereits das lang gezogene "Ahhhh" und das mit einem verschwörerischen Seitenblick auf den Kollegen vorgebrachte "Sie sind es!" machte deutlich: da ist die Geheime Hauptverwaltung dran! Ich verkniff mir ein "Schönen Gruß" und spitzte die Ohren. Und es sollte sich lohnen!

Während der Schlapphut am Handy den Ausführungen des "guten Bekannten" lauschte, wich immer mehr Farbe aus seinem Gesicht. Irgendetwas ging da gerade gewaltig schief.

"Hast du das System schon neu gestartet?" Erneut lauschte der Schattenmann in den Hörer. Die Farbe seines Gesichtes - soweit man diesen Kalkeimer noch als Gesicht bezeichnen konnte - hatte inzwischen den Ton von getrocknentem Taubenkot angenommen.
"Nein, nein, du musst erst das Hauptsystem... ja... und dann... nein, mit der Fernbedienung..." Lauschen. Das verzweifelte Schlucken war selbst drei Tische weiter noch deutlich zu vernehmen.
"Die andere... ja... da sind drei Fernbedienungen... die, die aussieht wie die Fernbedienung für die Stereoanlage... die silberne..." Auch der zweite Schlapphut begann jetzt, nervös auf seinem Teil der Bierbank hin und her zu rutschen.
"Wie? Geht nicht? Muss aber! Die silberne hab ich gesagt... nein, nicht die schwarze!" Fassungsloses Kopfschütteln. Mir schmeckte mein saures Radler immer besser, und das, obwohl es bereits warm geworden war. Dann war es soweit, der Telefonierer reichte das Mobiltelefon entnervt an den Kollegen weiter.

"Es gibt Probleme!" erklärte er schnarrend. Nur mit Mühe gelang die Übergabe des schweißnassen Handys über den Biertisch, dessen Holzplatte plötzlich die Ausmaße eines Fußballfeldes anzunehmen schien.
"Ja? Was ist denn?" Binnen Bruchteilen von Sekunden glich auch die Gesichtsfarbe des zweiten Überwachungsspezialisten am Biertisch der glibberigen Peripherie eines Drei-Minuten-Eis.
Grinsend trank ich mein warmes Radler aus und hieß die bezaubernde Kellnerin, mir ein eiskaltes Pils zu bringen. Mein Grinsen verbreiterte sich zunehmend als ich von rechts hörte:
"N-E-I-N!!! Die silberne Fernbedienung! Silbern! S-i-l-b-e-r-n!"
Das perfekte System bekam die ersten Risse!

Montag, 24. August 2009

Schlimmer als die Rote Zora

Vor dem nächsten Kapitel meiner paranoiden Wahnvorstellungen mal wieder ein krudes Machwerk des Trash-Kinos:

Red Sonja (1985)

o tempora, o mores... Anfang der 80er Jahre fanden es viele Menschen toll - "dufte", wie es damals hieß - wenn irgendein Muskelprotz in knapper Lederbadehose dem unsagbar Bösen ins Handwerk pfuschte und mal so richtig mit dem Schwert dazwischen kloppt. Jahaaa, dachte sich da der sagenumwobene Produzent Dino de Laurentis, da hab ich noch eine viel duftere Idee: Eine streitbare Amazone in knappen Lederbikini, die mit dem Schwert dazwischen kloppt!
Und das zehn Jahre von Xena, die Kriegerprinzessin - Wahnsinn! Red Sonja hat so ziemlich alles, von dem man sich heute mit Grausen abwendet, früher aber unbedingt sehen wollte: Eine durchgeknallte Hexe mit Goldmaske und Stringtanga, die die Welt mit einem grün leuchtenden Brocken Kryptonid zerstören will und natürlich ein paar unerschrockene aber strunzdoofe Helden, die mit ihren sehr sehr langen Schwertern jede Menge Köpfe absäbeln, um die Welt zu retten. Schön einfach, wie im Kalten Krieg. Gut gegen Böse. Schwarz gegen Weiß, allerdings in knallbunten Bonbonfarben.




Auf der Seite der Guten: der unter seinem Künstlernamen "Kalidor" kämpfende Barbar der ersten Stunde Conan (überraschend: Arnold Schwarzenegger spielt sich hier ausnahmsweise einmal selbst) mit Muskeln wie Stahlseile und einer schicken nur vom frechen Stirnreif gehaltenen Langhaarfrisur. Außerdem - tadaa Tusch - Brigitte Nielsen als schwertfuchtelnde Red Sonja. Zugegeben, 1985 war an der Nielsen noch mehr als 60 Prozent echt, aber sie konnte schon damals nichts.
Die Story? Schlicht! Gute Priesterinnen bewachen Talisman, böse Zauberin klaut Talisman und tötet Schwester von Red Sonja, die will Rache, mag übrigens keine Männer, weil sie vergewaltigt wurde, Mann kommt vorbei, "We kännot ledd sis häppen!" ZACK mit dem Schwert dazwischen gekloppt, Red Sonja mag den Mann dann doch, weil er so ein duftes Schwert hat, Ende. Wer denkt sich sowas eigentlich aus?

Herausragende Dialogzeile:

"Ai kännot kill idd, idd's a maschien!"


Trash-Wertung:




Mittwoch, 5. August 2009

Dial "P" for Paranoia

Mittlerweile sind alle Befürchtungen zur Gewissheit geworden: Ich werde überwacht! Es gibt keinen Zweifel. Ich sehe Gespenster? Natürlich, sehe ich sie. Ich w-e-i-ß, dass sie da sind! Knacken in der Leitung? Schritte im nächtlichen Hausflur, die plötzlich verstummen? Ständig rollt mir ein Lieferwagen mit getönten Scheiben nach – sehr langsam. Wenn ich mich umdrehe hält er. Jedes Mal läuft mir ein Schauer über den Rücken. Es ist immer ein anderes Fahrzeugmodel, aber die Farbe ist ähnlich... das sind die! Zunächst messe ich dem Gefühl, ständig beobachtet zu werden, keine große Bedeutung zu. Schlafmangel gepaart mit einer Portion Stress und angereichert mit jeder Menge deja vus gehören doch heute zum guten Ton.
Aber dann machen sie einen Fehler! Mittwochnacht, 2:36 Uhr. Alles ist wie immer. Ich schlafe. Dass das Mobiltelefon rhythmisch vibrierend auf dem Schreibtisch herum zu wandern beginnt, nehme ich nur durch den wabernden Vorhang des Halbschlafes wahr. „Rufnummer unterdrückt“ leuchtet es mir von dem gleißend grellen Display entgegen.

Auf mein mühsam hervorgebrachtes „Hallo?“ antwortet eine mir unverfroren gut gelaunte Stimme: „Hallo auch!“
In einem Anflug scharfsinnigen Misstrauens, an den ich mich angesichts der nächtlichen Stunde noch in grauer Zukunft voller Stolz erinnern werde, fragte ich messerscharf zurück:
„Wer ist denn da?“
„Oh, ich bin's natürlich!“ - Natürlich! Natürlich?

Mir ist in diesem Moment klar: Es ist ein Arschloch. Gleichzeitig bin ich mir unschlüssig, was mich mehr ärgert. Die Tatsache, zu dieser Zeit aus dem Schlaf gerissen zu werden oder diese beschissene gute Laune des ominösen Anrufers.
„Ich hatte Langeweile“, flötet mein unbekannter Gegenüber weiter. Und: „Haste Lust zu Quatschen?“
Mein 80er-Jahre Serienheld Thomas Magnum würde jetzt sagen: „Ich weiß, was Sie denken. Und Sie haben recht!“ Ich hole gerade tief Luft, um diesem gutgelaunten Idioten gehörig die Meinung sagen, was er sich einbilde, mich Mittwochnacht um 2:36 Uhr anzurufen und "quatschen" zu wollen... Doch plötzlich stockt mir der Atem. Ein Knacken in der Leitung. Hört jemand mit? War da nicht auch dieser missionarische Unterton in der Stimme? Eine Sekte? Ein Seelenfänger? Siedend fällt mir ein: Die Rufnummer ist unterdrückt! Geheimdienst!

„Woher haben Sie diese Nummer?“ Versuche ich, mit nachdrücklicher Stimme zu insistieren, doch ein Zittern bleibt.
„Oh, ich hab nur so willkürlich ein paar Nummern eingetippt“, trällert der mysteriöse Anrufer.

Willkürlich? Ich lege sofort auf. Woher haben die meine Nummer. Schweißgebadet stürze ich ans Fenster. Genau in diesem Moment rollt auf der Straße ein Lieferwagen mit abgedunkelten Scheiben vorbei - sehr langsam. Als ich das Fenster aufreiße, beschleunigt der Wagen und verschwindet mit quietschenden Reifen um die nächste Ecke. Jetzt weiß ich: sie sind hinter mir her! Die restliche Nacht verbringe ich seltsamerweise mit einem Kochtopf als Helm bei eingeschaltetem Licht in einer Ecke meines Zimmers. Wann kommen sie mich holen?