Montag, 8. März 2010

Randgruppen im Sperrgebiet

Ganz ehrlich: auf Schritt und Tritt überwacht zu werden schränkt auf die Dauer etwas ein. Zunächst ist man insgeheim ein wenig stolz auf diesen ganzen Zirkus mit den Lieferwagen auf der gegenüberliegenden Straßenseite, den Schritten im dunklen Hausflur oder den Telefonaten, bei denen der Anrufer sofort wieder auflegt, wenn man sich meldet. Aber das legt sich ziemlich schnell. Die einzige Freude, die einem dann noch bleibt ist, den Kaffee alleine trinken, laut schlürfen und sich diebisch freuen, dass das Schlürfen in den Richtmikrophonen schön kratzt, rauscht und Rückkopplungen gibt. Hmmm… herrlich! Im Grunde sitz’ ich also ständig irgendwo alleine rum und schlürfe laut. Die meisten Leute tippen sich dann immer gegen die Stirn… Ruck zuck rutscht man so in eine Minderheit, die Bekloppten. Na super. Willkommen in der Randgruppe.

Randgruppen sind ein elitärer Haufen. Manche dieser Vereine sind so exklusiv, dass sie gerade mal ein Mitglied aufnehmen können. Solche Clubs lerne ich ständig kennen. Heute Nacht auch wieder. Als der Typ vor mir steht, denke ich im ersten Moment „wieder so’n Penner“. Haare: zottelig, lang und rot. Zähne: gelb und sehr schlecht aber dafür wenige. Bizarres Accessoire: ein großes weißes Frottee-Badehandtuch, tollkühn wie ein Cape um die Schultern drapiert. Und: ein wildes Funkeln in den Augen. Kein durchschnittlicher Obdachloser! Vor mir steht der gefährlichste Mann Europas. Behauptet er zumindest. Und nicht nur das. Mit Grabesstimme, immer wieder umweht von einem fauligen Hauch und in einem grotesken Tonfall der irgendwo zwischen der Arroganz des Allwissenden und dem Flüstern des Verschwörungstheoretikers liegt erfahre ich alles über die geheime Geißel Europas.

 
Foto: unblogbar.org // Marco Fieber

 „Die Regierung verabreicht mir seit 1982 starke Psychopharmaka und hindert mich mit allen ihr zur Verfügung stehenden Ressourcen daran, die Öffentlichkeit über ihre verbrecherischen Machenschaften aufzuklären.“ 
Erst will ich laut los lachen, aber dann merke ich „der meint das ernst“ also nur nervöses Kichern. Das ärgert ihn. „Findest du lustig, ja?! Pass bloß auf, mehrere Geheimdienste halten mich für den gefährlichsten Menschen Europas.“ Oha, ich finde es nicht mehr lustig und passe auf. 
„1974 wurde ich bei meinem Kampf gegen die Errichtung des Kernkraftwerks Fessenheim, das die Behörden einzig für Experimente gebaut hat, bei denen die Bevölkerung atomarer Strahlung ausgesetzt wird, erstmals Opfer der Behörden. Bei einer Aufklärungsmission auf dem Sperrgebiet der Reaktorbaustelle wurde ich im Juli 1975 Opfer brutaler Polizeigewalt. Zwei Rippen und den Kiefer haben sie mir gebrochen.“ 
Plötzlich unterbricht Staatsfeind Nummer 1 seinen mäandernden Redefluss, leckt sich hektisch über die Lippen und blickt gehetzt hin und her. Keine Zeit Luft zu holen. Sofort geht es weiter. „Nach meiner Entlassung aus der psychiatrischen Klinik, in die mich ein korrupter Richter eingewiesen hat, begann ich 1981 mit den Recherchen für mein Enthüllungsbuch und stieß auf eine Verschwörung bis in die höchsten Kreise. Ich weiß zu viel über die Regierung und deswegen will sie mich am Liebsten tot sehen oder für immer wegschließen. Haben sie alles schon versucht. Das ist aber noch nicht alles…“ 
Nein? Was soll da noch kommen? Der Kennedy-Mord? Die gefakte Mondlandung? Die Hitlertagebücher? Doch der Spannungsbogen auf seinem Höhepunkt plötzlich reißt wie eine altersschwache Violinensaite. Wie aus dem Nichts materialisiert steht plötzlich ein Ehepaar neben uns. Er wippt nervös von einem Fuß auf den anderen und laut auf seiner Unterlippe, während sie sich penetrant in unser Gespräch… in seinen Monolog vielmehr hineinzwängt. „Entschuldigung! Wo ist denn hier die Harmonie?“ Die Frage nach einem Kino just in dem Augenblick, als er die Machenschaften einer Schattenregierung aufdecken will, missfällt dem Staatsfeind Nummer 1 offensichtlich. Und noch bevor ich beschwichtigend die Hände heben kann knurrt er die Fragende mit einem Seitenblick auf ihren Mann an: „So wie Sie beide aussehen, ist die ganz bestimmt nicht zuhause bei Ihnen im Schlafzimmer!“ Er wirft sich die wallenden Haare über die Schulter und dann entschwindet er, gehüllt in einen wallenden weißes Frottee-Badetuch: der gefährlichste Mann Europas.

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